Kürzlich probierten wir eine im Keller fast vergessene Flasche Eyholzer Roter aus dem Jahr 2018. Der Wein war eine Offenbarung! Und eine absolute Rarität ist er dazu, die Rebfläche beträgt nur rund 20 Aren und es gibt nur einen einzigen Produzenten!
Der Produzent heisst Chanton und ist in Eyholz/Visp im Wallis heimisch. Dabei ist Produzent eigentlich der falsche Ausdruck; die Familie Chanton würde man wohl besser als „Rebgärtner“, „Sortenbewahrer“ und auch „Spezialitätenzauberer“ bezeichnen. Josef-Marie Chanton führte den Betrieb ab 1970 mit für die damalige Zeit eigenwilligen Visionen an die Spitze, Spezialitäten wie Lafnetscha, Himbertscha, Gwäss und eben Eyholzer Roter wurden von ihm quasi am Leben erhalten oder er hauchte ihnen gar wieder Leben ein. Seit 2008 führt nun Mario Chanton den Betrieb im Sinne der väterlichen Tradition, aber auch mit eigenen Ideen – so sind etwa die Walliser Klassiker wie Humagne, Petite Arvine, Cornalin und Pinot Noir heute ebenfalls qualitativ sehr bemerkenswert. Und es werden auch Sorten wie Riesling, Syrah und Zweigelt angepflanzt.
Spezialitäten mit riesigem Potential – aber keiner merkt es.
Diese Politik ist sicher wirtschaftlich sinnvoll, denn allein mit den Spezialitäten wäre wohl in der Weinwelt kein Erfolg möglich. Allerdings verstehe ich ganz einfach nicht, weshalb die Nachfrage etwa nach Lafnetscha nicht viel höher ist. Ich hatte über diese Sorte schon einmal berichtet (Link unten), und ich halte diesen Wein nach wie vor für grossartig und massiv unterbewertet!
Eyholzer Roter: ein echtes Unikat in jeder Hinsicht!
Etwas anders der Eyholzer Roter: Das ist ein aussergewöhnlicher, eigenständiger Wein, von Natur aus alkoholarm, mit wenig Farbe, hoher Säure und filigran. Mario Chanton schreibt dazu selbst auf seiner Website: „Anspruchsvoll, sein Charakter will gesucht und verstanden werden, duftet nach Bergveilchen und Himbeeren. Zettelt Kontroverse um den Rotwein an: Einzelne Weinkenner zählen ihn nicht zu den Rotweinen, andere finden ihn speziell.“
Tatsächlich hatte ich die Weine immer nur vor Ort im jugendlichen Stadium degustiert. Und so richtig begeistert hatten sie mich nie. Ich fand sie tatsächlich speziell, durchaus auch spannend, aber schon mehr ein Rosé als ein Rotwein, feingliedrig und mit recht hoher Säure.
Sieben Jahre und kein bisschen alt.
Ich hatte dann aber doch eine Einzelflasche des Jahrgangs 2018 gekauft. Die lagerte lange im Keller. Wenn ich nach einem Rotwein suchte, stand mir der Sinn stets nach etwas Kräftigerem. Der kürzliche Besuch unseres Sohnes, mit dem zusammen ich auch schon bei Chanton war, hat mich dann bewogen, den Wein zu öffnen – eigentlich in der Erwartung, er sei nach sieben Jahren kaum mehr genussvoll trinkbar.
Aber dann die Überraschung: Der Wein ist noch absolut jugendlich, hat aber seine Ecken und Kanten abgestossen und ist jetzt wunderschön trinkbar. Der Eyholzer Roter ist also augenscheinlich ein Wein, den man in seiner Jugend unterschätzt! Speziell ist er immer noch, aber auf eine ganz tolle Weise – diese Rarität müsste eigentlich jeder Weinfreund einmal gekostet haben. Meines Erachtens eignet er sich zudem auch vorzüglich als Begleiter zu nicht zu kräfigem Fisch vom Grill, zu gewissen Käsen und durchaus auch ganz allein zum Apéro – oder als Meditationswein.

Ein Waisenkind – vielleicht aus Norditalien, aber nun ein waschechter Walliser.
Dabei ist die Rebsorte ein Waisenkind. Der Rebsortenforscher José Vouillamoz schreibt dazu in seinem Buch „Schweizer Rebsorten, ihre Geschichte und Ursprünge“ (Haupt-Verlag, ISBN Nr. 978-3-258-08087-1):
Eyholzer Roter ist eine Seltenheit aus der Region Visp im Oberwallis. Der DNA-Test hat es mir ermöglicht, die Gleichsetzung dieser Rebsorte mit der Hibou Noir aus Savoyen zu widerlegen, und zeigte, dass es einige genetische Verbindungen mit Rebsorten aus Norditalien haben könnte. Dies könnte erklären, weshalb sie noch oft in Weinlauben angepflanzt wird. Ihre Eltern konnten nicht ausfindig gemacht werden, somit ist Eyholzer Roter ein Waise.
Ihr Name erscheint nur in einem Dokument aus Eyholz aus dem Jahr 1982, aber sie muss in der Region viel länger präsent gewesen sein: Dies belegen die mehr als hundertjährigen Weinlauben im Dorf Stalden, im Zentrum der Altstadt Visp sowie im Zentrum der Altstadt von Sitten im Maison de la Traille. Im Jahr 2016 wurde durch den DNA-Test ein alter Rebstock in Vogorno im Verzascatal im Tessin identifiziert, womit die mögliche Einführung ins Wallis aus Norditalien bekräftigt wird.
Degustationsnotiz:

Eyholzer Roter, 2018, Chanton Weine, Visp
Helles Rot; enorm fruchtig, ausgeprägt nach Himbeeren und vor allem Walderdbeeren, wirkt fast wie ein Früchtekorb, dazu ganz leicht rauchig und ein Hauch von Lorbeer; im Mund im Antrunk schlank wirkend, aber nach 1-2 Sekunden entwickelt sich plötzlich eine stille Kraft und der Wein wird mundfüllend, saftige Säure, relativ wenig Tannin, auch im Mund fruchtbetont, mittlerer Abgang. Ganz erstaunlicher Wein, Hut ab vor dem Spezialitätenzauberer Chanton! 16,5 Punkte, wobei die Benotung eigentlich unwichtig ist, einen solchen Wein muss man einfach nur andächtig geniessen!
Links:
Beitrag, in welchem eine Foto des Rebberges mit dem Eyholzer Roter enthalten ist:
Rohrberg, Rotwein, Marroni und mehr über Eyholz | Verein Visper Chronik
Und der erwähnte Beitrag in meinem Blog über Lafnetscha:
Eine absolute Rarität von hervorragender Qualität. Und keiner merkt es! – Victor’s Weinblog
… und über einen anderen faszinierenden Wein von Chanton:
Faszination pur: Guter Wein aus der ältesten benannten Rebsorte der Welt! – Victor’s Weinblog
Interessennachweis:
Der Wein wurde käuflich erworben.